09. Sep. 2009
Berliner Zeitung vom 04. September 2009 von Silke Janovksy
Der Maulwurf ist tot. Auf der A9 überfahren. "Autschn". Seine unerfüllte Liebe zu Babe, einer hysterischen Barbie, hatte ihn in den Freitod getrieben. Doch ohne den Liebestollen mit dem hinreißenden Sprachfehler geht auf René Mariks Bühne gar nichts. Für sein neues Programm "KasperPop" ließ der Puppenspieler seinen Star wieder auferstehen: Es lebe der Maulwurf!
Und mit ihm zusammen treten der prollige Eisbär Kalle, der stets etwas blasierte Frosch Falkenhorst, die zwei weißen Lappen und natürlich die schöne, aber leider strohdumme Barbie im Tipi am Kanzleramt auf. Neu in der Darstellerriege ist der vom Hass zerfressene Glatzenkasper, eine Art notwendiges Übel, wenn man Geschichten erzählen will, die zwar tragisch, aber mindestens genauso fies sein sollen.Der diplomierte Puppenspieler Marik schickt seine Figuren auf eine Kamikaze-Reise durch die Film- und Weltgeschichte und präsentierte am Mittwochabend dem Publikum tragikomische Miniaturen. Frosch Falkenhorst scheitert immer wieder bei dem Versuch, jemand anderes sein zu wollen: ob Weihnachtsmann, Fernsehkoch oder Old Shatterhand. Dieser war nach Ansicht des als Winnetou verkleideten Maulwurfs nämlich dessen weißer und nicht grüner Bruder. Falsche Hautfarbe, Frosch.
Anstatt Problematiken künstlich zu erhöhen, reduziert René Marik sie und verkauft sie seinem Publikum als eine Art Klamauk. Vielleicht ist dieses Understatement ein berufsbedingtes der Puppenspieler-Zunft. Wer einen roten Faden finden wolle, warnte Marik noch vor der Show, der sei hoffnungslos verloren.
Mit zurückgegelten Haaren und dem traurigen Blick eines Vorstadt-Elvis bespielt er als Don Mercedes Moped zusammen mit Kompagnon Professor Inge die Pausen zwischen den Puppennummern. Geschrieben wurden die seichten Popballaden von Johanna Zeul. Und es ist nicht so, dass der Puppenspieler nicht auch singen könne, sein Gitarrenspiel wirkt bisweilen durchaus virtuos. Nur gibt es leider keinen Zusammenhang zwischen den dargebotenen Liedern und den Ereignissen auf der Kleinst-Bühne. Doch die Kunstfertigkeit des Puppenspielers, mit winzigen Bewegungen zweier zusammengeknüllter Putzlappen komplexe zwischenmenschliche Verhältnisse bloßzustellen, tröstet über die etwas beliebigen Musikstücke hinweg.
Mariks Puppen sind ein Ensemble der Erfolglosen, die stets scheitern und Sisyphos gleich weitermachen. So spürt der Publikumsliebling "Maulwurfn" nicht nur liebesblind seiner "Babe" nach, sondern versucht immer wieder Kontakt zu anderen aufzubauen, seien es auch Prominente wie E.T. oder Lieutenant Spock. Doch keiner versteht ihn - und am Ende stirbt der Maulwurf einen einsamen Erschöpfungstod bei dem Versuch, mit einer asiatischen Winkekatze zu sprechen. Kaum zu glauben, dass sich ein Zelt voller Erwachsener zwei Stunden lang lautstark über den Sprachfehler einer Handpuppe amüsieren kann. Noch weniger zu glauben, dass man nach der Vorstellung den logopädischen Notdienst ins Foyer rufen möchte, scheinen die Zuschauer doch - maulwurfsgleich - eine Qualle in ihrem Mundraum zu beherbergen.
Die kleinste der Kleinkünste scheint nicht nur bei Youtube, sondern auch auf der großen Bühne angekommen zu sein. René Mariks Puppenspielerei ist der Beleg dafür, das Comedy mehr sein kann, als die Beischlafgewohnheiten seiner Nachbarn von der Bühne zu posaunen. Wenn der Maulwurf lebt.