Presse

05. Jun. 2009

Informationen zum Programm AUTSCHN!

Wohl aus der Hausbesetzerzeit haben die Puppen einen gewissen Anarchismus geerbt. Sehr treffend bezeichnet die TAZ - in einem ganzseitigen Portrait - diesen Zug als ,,Kleinkunst im eigentlichen Sinne - Kunst mit kleinen Mitteln". Marik sei ein ,,Meister des Verschwindens. Und das in Zeiten, in denen Erfolg in ausverkauften Olympiahallen-Shows gemessen wird. Das Provisorische, Bruchstückhafte hat er zum Stilmittel erkoren." René hat klassische Marionetten immer gehasst. ,,Die sind so perfekt", sagt er. Ihm reichen eine gerupfte Barbie und ein ,,räudiges Stück Stoff". Der Rest ist Fantasie.

Selbst seine Sprache, so wiederum die TAZ, ist ein ,,Wortsteinbruch, ein im Dada verschwindendes Geräuschpuzzle: ,Hage? Jemand ze Hage?', ,Hungi, Hungi!', Rapante, Rapante, lass'n haate daate!', ,Schneewante!'. Muppet-Show mit Stoffresten prallt bei ihm auf lautmalerische Ursonate."

Zwischen den Puppennummern kommt René hinter seinem Puppenspieler-Verschlag hervor, singt Liebeslieder und zerstört Gedichte. Die Haare zurück gegelt, das Becken vorgeschoben, er schmachtet das Publikum an mit starrem Blick, gibt den heruntergekommenen Schnulzensänger und singt mit butterweichem Schmelz schmalzige Kitschnummern oder spielt Kurt-Schwitters-Poeme auf der E-Gitarre. Die Berliner Zeitung findet seinen Charme ,,derart beunruhigend, dass dem Zuschauer, den er bei ,Blue Velvet' ansingt, vor Schreck der Taco in der Hand zerbricht." Dabei hat er in Stimme und Mimik so viel Spielraum, dass er, so nun die Süddeutscher Zeitung, ,,auch die Verlesung der Postleitzahlen in ein Schauspiel verwandeln könnte."
Ganz andere Eindrücke ruft Marik wiederum als Kalle, dem Berliner Proleten aus Marzahn, hervor. Der berichtet im ballonseidenen Trainingsanzug und mit Discounter-Plastiktüte in der Hand über seine erniedrigenden Erlebnisse mit Frau Schibulski, seiner Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt oder gerät in der Berliner U-Bahn in die ,Arbeitnehmersitzplatzkontrolle'.

Doch über allem stehen die Puppen. In René Mariks Minidramen treten einige liebestolle Putzlappen auf, ein prolliger Eisbär mit Vorliebe für Dosenbier, der mit Berliner Schnauze den Untergang der Titanic kommentiert und ein recht blasiert daher kommender Frosch namens Herr Falkenhorst. Dieser ist Schauspieler, und zwar ein bedeutender, zumindest seiner eigenen unumstößlichen Meinung nach. Wäre sein großer Monolog als ,Der weiße Hai' nicht dem Schnitt zum Opfer gefallen, säße er jetzt in Hollywood. Stattdessen muss er sich allabendlich von dem Puppenspieler-Kollegen unter ihm die Hand in den Allerwertesten schieben lassen, was er als äußerst erniedrigend empfindet, und in Darth-Vader-Maske mit einer Neonröhre gegen Teletubbies kämpfen. ,,Tja - Dadaismus!", kommentiert er das und warnt den Puppenspieler: ,,Da weht aber ein eiskalter Wind durch deinen Arbeitsvertrag, Freundchen."
Der unumwundene Star des Abends ist aber - natürlich - der Maulwurf. Immer und immer wieder scheitert er in seinen Annäherungsversuchen an die ewig gleich wiederkehrende Barbie, die mal als Gretchen, Rapunzel (,,Rapante") oder Schneewitchen (,,Schneewante") auftritt, aber immer gleich einsilbig nur ein gehüsteltes ,,Ahühü!" von sich gibt und den Maulwurf damit in totale Verzweiflung stürzt. Liegt es nur an seinem fatalen Sprachfehler? ,,Manno!", beschwert sich der plüschige Choleriker jedenfalls beim Publikum, ,,Nik laake!" - und verschwindet mit einem knappen ,,Tschüssn!" wieder im Untergrund.
Am Ende bleibt ihm nur der Selbstmord aus Liebeskummer. Plötzliche Betroffenheit im Saal. Doch Barbie hat sich für Ken entschieden - der Maulwurf wählt den Freitod auf der A9. Ein Auto erfasst ihn, dann noch eines. ,,Nää, nit schön...!" Er bäumt sich mit letzter Kraft auf, versucht noch, sich in den Boden einzugraben. Aber vergebens. Der Maulwurf scheitert ein letztes Mal, nun am Teer - das Ende einer tragischen Existenz. Mit der Veröffentlichung seiner ersten DVD wird der Hype um René Marik und seine Figuren wohl eine neue Stufe erreichen. Typischer Weise wäre es René dabei aber zu einfach und auch zu langweilig gewesen, bloß das Bühnenprogramm abzufilmen. Er zeigt seine Charaktere auch hinter der Bühne, im Tourbus unterwegs, in ihrem privaten Touralltag. Ein Roadmovie für Puppen, das nach den Muppets und den Fraggles die Puppenspielkunst zu neuen Ufern trägt.

Und wie könnte sein Titel anders lauten als: ,,Autschn!"... ?
 

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